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| Auf dem Weg nach Pomerode mit Laura und Johannes |
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| ..irgendwie so gar nicht brasilianisch... |
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| Auf dem Weg zum Parque Tanguá |
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| Sonne tanken am See |
25. Mai 2012. Schon wieder ist fast ein Monat vorbei und ich
will Euch mal wieder ein bisschen was von meinem Leben hier in Curitiba
berichten. Wir haben hier mittlerweile unter der Woche einen ganz normalen Alltag
gefunden. Uni, Sprachkurs,… Da ich oft gefragt werde, wie der Sprachkurs so
ist, möchte ich Euch kurz davon erzählen. Zweimal die Woche habe ich jeweils 3
Stunden meinen Kurs im CELIN, dem Zentrum für Sprachen und Interkulturalität der
Universidade Federal do Paraná. Da ich nach den ersten drei Wochen in eine
höhere Stufe gewechselt habe, hatte ich die Möglichkeit noch einmal komplett neue
Leute kennen zu lernen, was eine tolle Erfahrung war. In meinem Kurs sind wir
je nach Lage zwischen 8 und 15 Leuten. Sowohl Europa (Spanien, Italien,
Frankreich) als auch (Vorder-) Asien (Korea, Japan, China, Iran) sowie
(Nord-Süd-) Amerika (Mexiko, Kuba, Kolumbien, USA) sind in meinem Kurs
vertreten. Eine spannende Zusammensetzung.
In der letzten Zeit setzten wir uns vor allem mit
brasilianischen Filmen auseinander, was ziemlich viel Spaß machte. Jeder
Schüler stellte einen Film vor. Das ist ziemlich klasse, denn so hatte ich die
Möglichkeit nicht nur die in Europa meist unbekannten Filme kennen zu lernen,
(Vielen mag „City of God“ vielleicht noch etwas sagen, danach hört es aber dann
meistens auch schon auf, mir ging es auch nicht viel anders) sondern zugleich
einen Einblick in die vielfältige Kultur und Geschichte Brasiliens zu erhalten.
Die Filme sind meist sehr gesellschaftskritisch und beschreiben, meinem
Eindruck nach, sehr gut die Situation in Brasilien ohne viel zu vertuschen, das
hat zur Folge, dass sie meist alles andere als eine leichte Kost sind.
Mein Film war „Zuzu Angel“, eine Filmbiographie über die brasilianische
Modedesignerin Zuleika Angel, die in den 70er Jahren in Brasilien ihre
schöpferische Hochphase hatte und deren bunten Kleider es bis auf die Laufstege
von New York schafften. Ihr Sohn, Mitglied einer studentischen Bewegung gegen
die Diktatur, verschwindet nach einer Demonstration und wird im Gefängnis auf
schreckliche Weise zu Tode gequält. Im Film wird die vergebliche Suche der
verzweifelten Mutter gezeichnet, die alles dafür tut, Gerechtigkeit zu bekommen
und den Körper ihres Sohnes beerdigen zu dürfen. Dies wird jedoch niemals
geschehen, da wie in der Zeit der Diktatur üblich, die Körper der politisch
ermordeten Oppositionellen über dem Atlantik abgeworfen wurden. Ein großartiger
Film, der mich sehr beeindruckt hat und den ich jedem nur empfehlen kann.
Jetzt warten weitere Film, die ich mir in der nächsten Zeit,
abends, wenn es kalt ist und unsere Motivation raus zu gehen eher gegen Null
läuft, ansehen werde.
Nur am Wochenende weicht das Programm dann meist doch ein
bisschen ab. Am ersten Maisonntag schaffte ich es endlich mal einen der vielen
Parks in Curitiba zu besuchen. Der Parque Tanguá, ein früherer Steinbruch, der
1996 eingeweiht wurde, schließt eine Fläche von 235.000 m² ein. Ein kleiner See
mit einem künstlich angelegten Tunnel lädt zum Bleiben und Sonne tanken ein.
Am Muttertag, der auch hier natürlich kräftig gefeiert wird,
vor allem natürlich von sämtlichen Blumen- und Kosmetikläden, waren wir zum
Mittagessen bei der Familie von unserem Mitbewohner Rafa eingeladen. Nach einem
ziemlichen Festschmaus mit Brigadeiro zum Nachtisch, (Brigadeiro ist eine
typische brasilianische Süßigkeit, ähnlich einer Praline, die aus gesüßter
Kondesmilch, Butter und Kakaopulver hergestellt wird. Mit Schokostreusel
bestreut, eine kleine aber feine Kalorienbombe…) ging es mit gut gefüllten
Mägen wieder nach Hause. Am nun vergangenen Wochenende ging es endlich mal
wieder raus aus Curitiba, in Richtug Süden, in den Bundesstaat Santa Catarina.
Nach knapp 4 Stunden Busfahrt kamen wir in Blumenau an, dem Zentrum der
germanischen Enklave in Santa Catarina. Blumenau wurde in den 1850er Jahren von
dem gleichnamigen deutschen Apotheker Dr. Blumenau gegründet, der 1848 auf der
Suche nach fruchtbarem und leicht zu erschließendem Land im Tal des Flusses
Itajaí seine Wunschvorstellung erfüllt sah. Bis 1854 folgten ihm 300 weitere
Einwanderer. Diese Einwandererwelle riss nicht ab und 1880 zählte Blumenau so
bereits 15000 Bewohner. Die meisten Emigranten kamen aus Pommern, Holstein und
Niedersachsen, die aus dem Städtchen bald ein florierendes industrielles
Zentrum machten. Erst später mischten sich dann Brasilianer und Italiener
hinzu. Deutsch hört man hier jedoch nur noch selten auf der Straße, vielmehr
ist es der visuelle Eindruck, der an diese Vergangenheit erinnert:
Fachwerkhäuser prägen das Stadtbild und Restaurants und Hotels heißen
Himmelblau, Frohsinn und Wunderwald. Bekannt ist Blumenau in Brasilien
heutzutage vor allem wegen seines Oktoberfests, anfangs nur ein kleines Fest,
das die Stadtkasse auffüllen sollte, hat es sich heute zum zweitgrößten
Oktoberfest nach München entwickelt. Das Oktoberfest findet auf einem eigens
dafür eingerichteten Parkgelände statt, dem Parque Vila Germânica, wo neben
drei Messehallen eine in Beton gegossene Version eines mittelalterlichen
deutschen Städtchens steht. Dort warteten auf Laura und mich dann auch unser
Mittagessen, gefüllte Ente mit Rotkohl, Kartoffelbrei und Apfelmus, jedoch die
brasilianische Version, denn der Reis durfte natürlich nicht fehlen. In den
Souvenirläden gibt es allerhand Schrott, wie das immer so ist, von
Aluminiumbierkrügen, über Deutschlandshirts bis zu Dirndln konnte man hier
alles bekommen, was zu Hause dann zu einem schönen Staubfänger verkommt. Wieder
einmal mussten wir uns damit konfrontiert sehen, dass die bayrische Kultur zur
deutschen Kultur generalisiert wird. Obwohl ich zwischen dem „bayrischen
Standard“ auch Trachten wieder entdeckt habe, die mich eher an die
Schwarzwaldtrachten erinnerten. Hauptsache es sieht deutsch aus, ein kleines
Kulturgemisch.
In einem Café Colonial gab es für uns dann doch ein
Stückchen Torte zum Nachtisch. Hier fühlten wir uns wie in einem
standarddeutschen Café in dem die älteren Generationen ihren Sonntagskaffee
einnehmen. Einfach verrückt, mitten in Brasilien und irgendwie doch so deutsch.
Sogar die Öffnungszeiten, als wir um kurz nach 16 Uhr durch die Einkaufsstraße
schlenderten fanden wir kein geöffneten Laden mehr. Am nächsten Tag ging es
nach Pomerode, einer kleiner Ortschaft, ca. 30 km von Blumenau entfernt, die
den Titel der „Cidade mais alemã do Brasil“, der deutschesten Stadt Brasiliens,
inne hat. Hier hört man sogar auf der Straße noch Menschen deutsch sprechen,
immerhin sind mehr als drei viertel der 22000 Einwohner deutschstämmig.
Aufgrund der abgeschiedenen Lage und der schlechten Verkehrsverbindung hat sich
die ursprüngliche Kultur hier weit besser erhalten als anderswo. Gepflegte
Vorgärten und Straßen, norddeutsche Backstein- und Fachwerkarchitektur prägen
hier das Ortsbild- ein bisschen surreal alles….
Ein Brasilien, das irgendwie nicht so richtig Brasilien ist,
aber trotzdem genau so Teil dieses riesigen Landes ist. Ein ganz anderes
Brasilien wollen wir im Juli kennen lernen, den Nordosten. Mit Sonne, Strand
und Palmen wartet dort das Reisekatalog Brasilien auf uns. Bis dahin müssen wir
nun aber erstmal noch in die Uni gehen, vorausgesetzt die Professoren streiken
nicht, denn im Moment sieht es ganz danach aus, dass sich das Semester noch ein
bisschen in die Länge ziehen wird.
Hier in Curitiba hat heute in Zusammenarbeit mit dem Oscar
Niemeyer Museum ein tolles Objekttheaterfestival angefangen bei dem wir beide
heute vorbeigeschaut haben. Da werden aus allerhand Werkzeugen und anderen
Gegenständen Krebse, Strandläufer, Krähen und Pferde, die sich im Sand wälzen,
und aus einem Glas und einer Lupe plötzlich ein kleiner Sherlock Holmes-
unglaublich beeindruckend, wie aus solchen Alltagsgegenständen spannende Geschichten
gesponnen werden können, und solche bei denen wir Tränen lachten.
Das war es erst einmal wieder vom
25.Breitengrad Süd
Allerliebst,
eure Sabeth Tara
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