Freitag, 25. Mai 2012

Mai 2012

Oscar Niemeyer Museum





Auf dem Weg nach Pomerode mit Laura und Johannes

Pomerode







..irgendwie so gar nicht brasilianisch...


Ortseingang von Pomerode



Blumenau

Zentrum von Blumenau

Touristikinfo in Blumenau

Vila Germânica

Gefüllte Flugente in Blumenau

















Rathaus


Das Stadttheater von Blumenau



Erinnerungstafel an Stadtgründer Dr. Blumenau

"Unser Haus"

Curitiba

Auf dem Weg zum Parque Tanguá








Sonne tanken am See


25. Mai 2012. Schon wieder ist fast ein Monat vorbei und ich will Euch mal wieder ein bisschen was von meinem Leben hier in Curitiba berichten. Wir haben hier mittlerweile unter der Woche einen ganz normalen Alltag gefunden. Uni, Sprachkurs,… Da ich oft gefragt werde, wie der Sprachkurs so ist, möchte ich Euch kurz davon erzählen. Zweimal die Woche habe ich jeweils 3 Stunden meinen Kurs im CELIN, dem Zentrum für Sprachen und Interkulturalität der Universidade Federal do Paraná. Da ich nach den ersten drei Wochen in eine höhere Stufe gewechselt habe, hatte ich die Möglichkeit noch einmal komplett neue Leute kennen zu lernen, was eine tolle Erfahrung war. In meinem Kurs sind wir je nach Lage zwischen 8 und 15 Leuten. Sowohl Europa (Spanien, Italien, Frankreich) als auch (Vorder-) Asien (Korea, Japan, China, Iran) sowie (Nord-Süd-) Amerika (Mexiko, Kuba, Kolumbien, USA) sind in meinem Kurs vertreten. Eine spannende Zusammensetzung.
In der letzten Zeit setzten wir uns vor allem mit brasilianischen Filmen auseinander, was ziemlich viel Spaß machte. Jeder Schüler stellte einen Film vor. Das ist ziemlich klasse, denn so hatte ich die Möglichkeit nicht nur die in Europa meist unbekannten Filme kennen zu lernen, (Vielen mag „City of God“ vielleicht noch etwas sagen, danach hört es aber dann meistens auch schon auf, mir ging es auch nicht viel anders) sondern zugleich einen Einblick in die vielfältige Kultur und Geschichte Brasiliens zu erhalten. Die Filme sind meist sehr gesellschaftskritisch und beschreiben, meinem Eindruck nach, sehr gut die Situation in Brasilien ohne viel zu vertuschen, das hat zur Folge, dass sie meist alles andere als eine leichte Kost sind.
Mein Film war „Zuzu Angel“, eine Filmbiographie über die brasilianische Modedesignerin Zuleika Angel, die in den 70er Jahren in Brasilien ihre schöpferische Hochphase hatte und deren bunten Kleider es bis auf die Laufstege von New York schafften. Ihr Sohn, Mitglied einer studentischen Bewegung gegen die Diktatur, verschwindet nach einer Demonstration und wird im Gefängnis auf schreckliche Weise zu Tode gequält. Im Film wird die vergebliche Suche der verzweifelten Mutter gezeichnet, die alles dafür tut, Gerechtigkeit zu bekommen und den Körper ihres Sohnes beerdigen zu dürfen. Dies wird jedoch niemals geschehen, da wie in der Zeit der Diktatur üblich, die Körper der politisch ermordeten Oppositionellen über dem Atlantik abgeworfen wurden. Ein großartiger Film, der mich sehr beeindruckt hat und den ich jedem nur empfehlen kann.
Jetzt warten weitere Film, die ich mir in der nächsten Zeit, abends, wenn es kalt ist und unsere Motivation raus zu gehen eher gegen Null läuft, ansehen werde.
Nur am Wochenende weicht das Programm dann meist doch ein bisschen ab. Am ersten Maisonntag schaffte ich es endlich mal einen der vielen Parks in Curitiba zu besuchen. Der Parque Tanguá, ein früherer Steinbruch, der 1996 eingeweiht wurde, schließt eine Fläche von 235.000 m² ein. Ein kleiner See mit einem künstlich angelegten Tunnel lädt zum Bleiben und Sonne tanken ein.
Am Muttertag, der auch hier natürlich kräftig gefeiert wird, vor allem natürlich von sämtlichen Blumen- und Kosmetikläden, waren wir zum Mittagessen bei der Familie von unserem Mitbewohner Rafa eingeladen. Nach einem ziemlichen Festschmaus mit Brigadeiro zum Nachtisch, (Brigadeiro ist eine typische brasilianische Süßigkeit, ähnlich einer Praline, die aus gesüßter Kondesmilch, Butter und Kakaopulver hergestellt wird. Mit Schokostreusel bestreut, eine kleine aber feine Kalorienbombe…) ging es mit gut gefüllten Mägen wieder nach Hause. Am nun vergangenen Wochenende ging es endlich mal wieder raus aus Curitiba, in Richtug Süden, in den Bundesstaat Santa Catarina. Nach knapp 4 Stunden Busfahrt kamen wir in Blumenau an, dem Zentrum der germanischen Enklave in Santa Catarina. Blumenau wurde in den 1850er Jahren von dem gleichnamigen deutschen Apotheker Dr. Blumenau gegründet, der 1848 auf der Suche nach fruchtbarem und leicht zu erschließendem Land im Tal des Flusses Itajaí seine Wunschvorstellung erfüllt sah. Bis 1854 folgten ihm 300 weitere Einwanderer. Diese Einwandererwelle riss nicht ab und 1880 zählte Blumenau so bereits 15000 Bewohner. Die meisten Emigranten kamen aus Pommern, Holstein und Niedersachsen, die aus dem Städtchen bald ein florierendes industrielles Zentrum machten. Erst später mischten sich dann Brasilianer und Italiener hinzu. Deutsch hört man hier jedoch nur noch selten auf der Straße, vielmehr ist es der visuelle Eindruck, der an diese Vergangenheit erinnert: Fachwerkhäuser prägen das Stadtbild und Restaurants und Hotels heißen Himmelblau, Frohsinn und Wunderwald. Bekannt ist Blumenau in Brasilien heutzutage vor allem wegen seines Oktoberfests, anfangs nur ein kleines Fest, das die Stadtkasse auffüllen sollte, hat es sich heute zum zweitgrößten Oktoberfest nach München entwickelt. Das Oktoberfest findet auf einem eigens dafür eingerichteten Parkgelände statt, dem Parque Vila Germânica, wo neben drei Messehallen eine in Beton gegossene Version eines mittelalterlichen deutschen Städtchens steht. Dort warteten auf Laura und mich dann auch unser Mittagessen, gefüllte Ente mit Rotkohl, Kartoffelbrei und Apfelmus, jedoch die brasilianische Version, denn der Reis durfte natürlich nicht fehlen. In den Souvenirläden gibt es allerhand Schrott, wie das immer so ist, von Aluminiumbierkrügen, über Deutschlandshirts bis zu Dirndln konnte man hier alles bekommen, was zu Hause dann zu einem schönen Staubfänger verkommt. Wieder einmal mussten wir uns damit konfrontiert sehen, dass die bayrische Kultur zur deutschen Kultur generalisiert wird. Obwohl ich zwischen dem „bayrischen Standard“ auch Trachten wieder entdeckt habe, die mich eher an die Schwarzwaldtrachten erinnerten. Hauptsache es sieht deutsch aus, ein kleines Kulturgemisch.
In einem Café Colonial gab es für uns dann doch ein Stückchen Torte zum Nachtisch. Hier fühlten wir uns wie in einem standarddeutschen Café in dem die älteren Generationen ihren Sonntagskaffee einnehmen. Einfach verrückt, mitten in Brasilien und irgendwie doch so deutsch. Sogar die Öffnungszeiten, als wir um kurz nach 16 Uhr durch die Einkaufsstraße schlenderten fanden wir kein geöffneten Laden mehr. Am nächsten Tag ging es nach Pomerode, einer kleiner Ortschaft, ca. 30 km von Blumenau entfernt, die den Titel der „Cidade mais alemã do Brasil“, der deutschesten Stadt Brasiliens, inne hat. Hier hört man sogar auf der Straße noch Menschen deutsch sprechen, immerhin sind mehr als drei viertel der 22000 Einwohner deutschstämmig. Aufgrund der abgeschiedenen Lage und der schlechten Verkehrsverbindung hat sich die ursprüngliche Kultur hier weit besser erhalten als anderswo. Gepflegte Vorgärten und Straßen, norddeutsche Backstein- und Fachwerkarchitektur prägen hier das Ortsbild- ein bisschen surreal alles….
Ein Brasilien, das irgendwie nicht so richtig Brasilien ist, aber trotzdem genau so Teil dieses riesigen Landes ist. Ein ganz anderes Brasilien wollen wir im Juli kennen lernen, den Nordosten. Mit Sonne, Strand und Palmen wartet dort das Reisekatalog Brasilien auf uns. Bis dahin müssen wir nun aber erstmal noch in die Uni gehen, vorausgesetzt die Professoren streiken nicht, denn im Moment sieht es ganz danach aus, dass sich das Semester noch ein bisschen in die Länge ziehen wird.
 
Hier in Curitiba hat heute in Zusammenarbeit mit dem Oscar Niemeyer Museum ein tolles Objekttheaterfestival angefangen bei dem wir beide heute vorbeigeschaut haben. Da werden aus allerhand Werkzeugen und anderen Gegenständen Krebse, Strandläufer, Krähen und Pferde, die sich im Sand wälzen, und aus einem Glas und einer Lupe plötzlich ein kleiner Sherlock Holmes- unglaublich beeindruckend, wie aus solchen Alltagsgegenständen spannende Geschichten gesponnen werden können, und solche bei denen wir Tränen lachten.

Das war es erst einmal wieder vom 25.Breitengrad Süd
Allerliebst,
eure Sabeth Tara

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