| Mit Katrin in einem der vielen Cafés |
| Der Aussichtsturm |
| Rua 15 de Novembro- die Einkaufsstraße |
Zeit sich wieder zurück zu melden. Hier wird es so langsam
kalt. Ich denke die Sandalen werden jetzt dann wohl in der hinteren Ecke meines
Schrankes verschwinden. Der Winter fängt an. Den Eindruck hat man zumindest,
wenn man morgens aus dem Haus geht und abends wieder zurückkehrt. Hier erlebe
ich alle Jahreszeiten an einem Tag. Von bewölkten polarkalten Winden geprägten
8°C am Morgen über sonnige 25°C nach dem Mittagessen und eisigen 5°C am Abend.
Es ist nicht sonderlich schwer sich meinen Enthusiasmus vorzustellen, den ich
verspüre wenn ich daran denke, dass es hier im richtigen Winter keine Heizungen
gibt. Die erste böse Erkältung hat mich jetzt schon erwischt.
Die kann mich jedoch nicht davon abhalten mich hier in
Curitiba trotzdem so richtig wohl zu fühlen. Vergangenes Wochenende habe ich
gemeinsam mit Laura einen kleinen Ausflug zu dem Aussichtsturm von Curitiba
gemacht. Nachdem wir herausgefunden hatten, welcher der vielen Busse uns dort
abliefert ging es also los. Laut Auskunft der netten Dame würde uns der Bus
direkt vor dem Turm rauslassen und wir saßen im Bus und saßen im Bus und saßen
im Bus. Den Turm sahen wir dann auch, allerdings fuhren wir immer weiter von
ihm weg, anstatt näher an ihn heranzufahren. Der Bus wurde immer leerer und
spätestens in diesem Moment erkannten wir, dass uns der Bus doch nicht „…direkt
vor dem Aussichtsturm“ herauslassen würde. In dem Viertel in dem wir ankamen
sahen wir etwas so groteskes, dass wir zuerst dachten unsere Augen würden uns
einen Streich spielen. Wir sahen zwei Häuser, das ist auch nichts besonderes,
Häuser gibt’s hier viele. Das eine ein geklinkertes rotes Haus, das man auch
irgendwo in Norddeutschland finden könnten, auf der anderen Seite ein einfaches
kaputtes Holzhaus, das aber auch bewohnt war. Hier in Brasilien findet man
beides, das ist nicht Neues, das groteske war nur, dass die Häuser direkt
nebeneinander standen. Nur eine Mauer mit elektrischem Zaun trennte die Häuser
voneinander. Wenn man daraus ein Fazit ziehen möchte, dann würde ich dies wohl als
brasilianische Realität bezeichnen. Schon alleine aus diesem Grund war es gut,
dass der Bus uns nicht dahin gebracht hatte, wo wir eigentlich hinwollten. Denn
wenn immer alles klappt, dann gäbe es auch keine Überraschungen oder spannende
Erlebnisse wie dieses.
So ging es also mit dem Bus wieder zurück bis zu dem Moment
in dem wir den Turm wieder sahen, zwar in einiger Entfernung, zu Fuß aber machbar.
Der Ausblick von dort oben war gigantisch. Auf der einen Seite das Zentrum und
die darum herumliegenden Viertel mit Hochhäusern, auf der anderen Seite die
etwas weiter außerhalb liegenden Viertel die von Einfamilienhäusern geprägt
sind. Danach ging es wieder zurück ins Zentrum wo wir noch über den Ostermarkt
schlenderten. Dort werden allerhand extrem kitschige, schon fast ins hässliche
neigende Geschenkartikel verkauft. Wenn man sich Zeit nimmt, kann man aber doch
auch das ein oder andere schöne Werkstück finden.
Gestern hat hier in Curitiba das Theaterfestival angefangen,
das ein tolles, meist kostenloses Programm anbietet. Laura und ich werden uns
sicherlich die eine oder andere Aufführung auf einem der vielen Plätze hier in
Curitiba ansehen.
Achso ja, erwähnen sollte ich ja vielleicht auf alle Fälle
noch die Uni. Wir stehen weiterhin früh auf um dann um halb acht auch wirklich
an der Uni zu sein. Einen Kurs belege ich auch abends, dass heißt von 19-22
Uhr. Daran musste ich mich auch erst einmal gewöhnen. Die Kurse werden nämlich
entweder morgens oder abends angeboten, denn die meisten Studenten arbeiten
hier tagsüber und haben dann erst am Abend Zeit zu studieren.
Kurz beschreiben möchte ich hier den Ablauf eines Kurses.
Anders als in Deutschland dauert ein Fach hier nicht 90 Minuten sondern 3-4
Stunden, es sitzen nicht 300 Leute in einem Raum, sondern nur 30, man sitzt
nicht nur da und schreibt mit, sondern fühlt sich eher in die Schulzeit
zurückversetzt. Wer jetzt denken mag, oh mein Gott 4 Stunden, das muss dann ja
ganz schön viel Stoff sein, den man durchnimmt, der hat sich getäuscht.
Zusammenfassend würde ich es wagen zu sagen, dass das was uns die Professorin
in 4 Stunden erklärt hat, uns ein Professor in Deutschland in 90 Minuten eingetrichtert
hätte. Ich muss zugeben, dass ich doch hin und wieder da sitze und denke: ein
bisschen effizienter könnte der Unterricht doch auf alle Fälle sein und
Pädagogik ist ja schön und gut, aber müssen Studenten mit 23 Jahren noch so an
der Hand geführt werden? Meiner Meinung nach hat selbstständiges Lernen noch
niemandem geschadet. Aber das ist nun mal das System hier in Brasilien und es
hat ja auch viele gute Seiten, es gibt mehr interaktives Arbeiten, wir sitzen
in Gruppen zusammen und der Stoff verliert so ein Stück weit Komplexität, weil
er innerhalb der Gruppe auf Beispiele aus dem Alltag herunter gebrochen wird
und der Praxisbezug hier dadurch vielleicht größer ist als in Deutschland.
Dies alles sehe ich nicht als Kritik. Es ist einfach anders
hier. Einige Dinge, die mich im ersten Moment verwundern und die ich nicht
verstehe, die ich im ersten Moment vielleicht sogar als völlig schwachsinnige
empfinde, beweisen sich im nächsten Moment dann als logisch. Es mag vielleicht
eine andere Logik sein, als die meinige, aber es hat seinen Sinn. Nichts ist
schlimmer, als zu denken, die müssen nur was von uns lernen. Nein wir können
was von Ihnen lernen. Man muss sich nur auf dieses Abenteuer einlassen und
einige Dinge einfach so hinnehmen, mit der Gewissheit, dass man die Logik
dahinter irgendwann hoffentlich verstehen wird.
Bezüglich des Einkaufens im Supermarkt stellt man sich
jedoch dann doch die Frage ob es so sinnvoll ist wie es hier gehandhabt wird. Denn
effizientes Arbeiten an der Kasse kennt man hier im Supermarkt eher nicht
(Obwohl Effizienz in vielen Bereichen doch sicherlich in Deutschland einen
anderen Stellenwert hat als hier, und man wenn man es nicht eilig hat,
sicherlich auch nette Gespräche mit anderen Wartenden haben kann). Die Schlange
geht gerne mal durch den ganzen Supermarkt und da steht man da dann zwanzig
Minuten in der Schlange und fragt sich wieso. Die Antwort ist einfach. Die
Kassiererin kassiert nicht nur, sondern verpackt die Produkte dann auch alle
noch in kleine Plastiktüten. Das dauert, denn in so eine Plastiktüte passen
dann vielleicht 3-4 Artikel und dann muss die nächste Tüte her. Nach unserem
ersten Einkauf und 15 Plastiktüten mehr zu Hause, fiel die Entscheidung beim
nächsten Einkauf dann auf die Mitnahme von auf zwei große Jutebeutel.
Das war es erstmal wieder!
Genießt den Frühling in Deutschland und dem Rest der Welt….
Um abraço,
eure Sabeth
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